Turm-Architektur & -Geschichte

Das äußere Mühlentor als Teil der Lübecker Stadtbefestigung

Der Mühlentortum wie wir ihn heute kennen, ist der Nachbau eines von zwei Türmen des historischen äußeren Mühlentores. Dieses bildete zusammen mit dem mittleren und dem inneren Mühlentor die südliche Lübecker Stadtbefestigung.

 

In dieser Form, um 1550 entstanden, existierte es jedoch nur bis zu seinem Abriss 1662/63. Ersetzt wurde es durch das um 1683 erbaute und in die Bastionsanlagen integrierte Mühlentor-Kurtinentor. Diese Anlage wurde dann im Zuge der Beseitigung der Wallanlagen 1798 abgerissen.

 

Die Abbildung aus dem Jahr 1552 zeigt einen Ausschnitt der Mühlentoranlage, entnommen der Lübecker Stadtansicht des Elias Diebel. 

 

Quelle: Wikipedia

Der Mühlentor-Turm als Luftschutzbunker

Bunkerbau in Lübeck nach 1940


Mit dem Erlass des „Führer-Sofort-Programms“ oder auch „Luftschutz-Sofortprogramms“ vom 10. Oktober 1940 kam es im Verlauf des 2. Weltkrieges auch in Lübeck zum vermehrten Bau von Bunkern. Sie sollten dem Schutz der Zivilbevölkerung dienen und wurden im gesamten Stadtgebiet, insbesondere in der dicht besiedelten Altstadt errichtet. Nach dem Ende des 2. Weltkrieges zählte man in Lübeck 21 Hochbunker, die sich mehr oder weniger offensichtlich
in die vorhandene städtische Zivilbebauung der Hansestadt einfügten. Mit ihrer Architektur sollten sie sich zunächst gemäß dem in Lübeck für den Bunkerbau zuständigen städtischen Baurat Dr. Otto Hespeler traditionellen fortifikatorischen Bauformen anpassen. In einem von Hespeler verfassten Aufsatz aus dem Jahr 1942 heißt es hierzu: „Es ist ein Zeichen deutscher Kultur […], wenn versucht wird, […] über den Augenblick hinauszuwirken. Dies bedeutet, dass sie städtebaulich richtig in das Stadtbild eingefügt werden und ihre äußere Erscheinung nicht als ein Fremdkörper, sondern als Schmuck der Stadt wirkt.[…] Der Führer selbst hat den Befehl ausgegeben, dass diese Wehrbauten ebenso wie die stolzen Burgen alter Zeiten für Jahrhunderte
Denkmäler […] unserer Zeit bilden sollen. Sie sollen […] ebenso ein Stolz der Städte werden wie die alten gewaltigen Türme und Tore.“
Mit Fortschreiten des 2. Weltkrieges und dem nach wie vor wachsenden Bedarf an Bunkern traten diese Ansprüche in den Hintergrund. Es mangelte an Arbeitskräften, Zeit und finanziellen Mitteln, um weiterhin ästhetische Belange für die benötigten Schutzbauten berücksichtigen zu können.

Der Mühlentor-Bunker von 1941


Die zunächst von Otto Hespeler formulierten Gestaltungsgrundsätze für den Bunkerbau fanden ihre Umsetzung in der Entwurfszeichnung für den 5-geschossigen Hochbunker am Mühlentorplatz (Abb.), der 1941 unter Leitung des Lübecker Architekten Alfred Redelstorff errichtet wurde. An prominenter Stelle im Grüngürtel der ehemaligen Wallanlagen positioniert, greift der mit Ziegeln im Klosterformat verkleidete Rundturm entsprechend seiner unmittelbarer Nähe zum früheren äußeren Mühlentor dessen bauliche Charakterzüge auf. So zeigen sich Gemeinsamkeiten sowohl in der Fassadengestaltung als auch in der Form des Daches, bemerkenswert sind ebenfalls zwei Terrakottabänder, die sich beide Male um das Turmrund herumwinden sowie die kleinen lukenhaften Fensteröffnungen.

 

 

Auch am heutigen Bestand des Mühlentorturmes lassen sich diese Elemente noch ablesen, insbesondere einzelne Abschnitte von zwei horizontal vertieft verlaufenden Mauerbändern (Abb.), die zur Aufnahme der im Entwurf vorhandenen Terrakotten gedacht waren. Beauftragt wurde für deren Herstellung die Hansische Bau- und Kunsttöpferei in Lübeck, die vermutlich auch Teile davon hergestellt hat, am Turm selbst gibt es jedoch keinerlei Spuren, die auf eine tatsächliche Anbringung hinweisen könnten. Auch das im Entwurf gestalterisch noch sehr aufwendig wiedergegebene Portal im Erdgeschoss scheint in dieser Form nicht zur Ausführung gekommen zu sein.

Der Schutzraum

 

Hinter der Backsteinschale des Turmes verbirgt sich der Bunkerbau, der in seiner Gesamthöhe vom Erdgeschoss bis zur Turmspitze ca. 24 Meter misst. Armierte Stahlbetonwände mit einer Stärke von 1,13 m ummanteln den Innenraum. Die noch heute erkennbaren nischenartigen Öffnungen stellen keine Fenster dar, sondern geben den Blick frei auf Betonflächen, die von kleinen, vergitterten Lüftungsöffnungen durchbrochen sind. Eine 1,40 m starke Bodenplatte und eine 1,40 starke Betondecke unterhalb des Dachstuhles entsprachen den zum Bauzeitpunkt geltenden standardisierten Bauvorschriften für Hochbunker dieser Kategorie (Abb.). Die Geschosshöhen variieren zwischen 2,77 m im Keller und 2,50 m in den 5 Geschossen. Das unmittelbar unter der obersten Betondecke liegende Dachgeschoss beherbergt bis heute ein gemauertes Becken, das in Kriegszeiten zur Wasserversorgung gedient hat. Erschlossen wurde das Gebäude über zwei Eingänge mit Schleusen, von denen einer auf Erdgeschossniveau lag während ein zweiter über eine überdachte Außentreppe in das 1. Obergeschoss führte; er sollte die Erschließung des Turmes im Falle einer vor dem Erdgeschoss-Zugang aufgeschütteten Trümmerschicht gewährleisten. Keller-, Erdgeschoss und die folgenden vier Obergeschosse wurden durch übereinander liegende Treppen miteinander verbunden, die sich dem Rund der äußeren Wandkrümmung anpassten. Während das Kellergeschoss zur Aufnahme von technischen Anlagen wie Belüftung, Befeuerung, Wasserversorgung und Stromlieferung vorgesehen war, dienten das Erdgeschoss und die folgenden 4 Geschosse zur Aufnahme von Schutzsuchenden.

 

Eine Grundrisszeichnung des 3. Geschosses von 1941 lässt erahnen, wie die einzelnen Etagen im Bunker ausgesehen haben könnten (Abb.). So finden wir in einer Art Treppenhauszone Türen, die in verschiedene Räume abgehen. Handschriftliche Eintragungen vom Architekten und Nutzungssymbole teilen uns beispielsweise mit, dass in einem Raum 7 doppelstöckige Bettstellen 14 Schlafplätze liefern, der benachbarte mit 8 Doppelstockbetten 16 Schlafmöglichkeiten bietet. In einem kleineren Verbands-Zimmer standen weitere 4 Liegeplätze zur Verfügung, so dass entsprechend diesem Plan pro Geschoss 34 Personen untergebracht werden konnten. Überträgt man diese Zahl auf insgesamt 5 nutzbare Geschosse, so bot der Mühlentor-Bunker ca. 170 Personen Schutz über einen längeren Zeitraum. Aufenthaltsräume und Toiletten ergänzten das Raumprogramm eines jeden Stockwerkes. Ein im Süd-Westen ergänzter Anbau diente als Lagerraum und wurde 1943 durch einen Kohlen- und Heizungsanbau ergänzt, welchem Redelstorff noch einen offenen Kollonadenraum hinzufügte, der zur Aufnahme von Kinderwagen gedacht war.

Der Mühlentor-Bunker nach Kriegsende

 

Wie oft der Bunker am Mühlentorplatz bis Kriegsende von Passanten und Anwohnern der Gegend aufgesucht wurde, lässt sich nicht belegen. Bekannt ist jedoch, dass unmittelbar nach Kriegsende die Frage nach dem weiteren Umgang mit den Bunkerbauten laut wurde. Zunächst dienten zahlreiche von ihnen als Flüchtlingsunterkünfte, jedoch stellte die britische Besatzungsverwaltung schon bald die Forderung nach einer Sprengung der Bunker, um sich so der Reminiszensen der Nazi-Vergangenheit zu entledigen. Vereinzelt verfolgte man auch diesen Plan, stellte jedoch fest, dass diese Maßnahmen nicht nur einen hohen finanziellen Aufwand darstellten, sondern die Substanz der historischen Altstadtbebauung stark in Mitleidenschaft ziehen würde. Im Falle des Mühlentor-Bunkers entschied man sich, wie bei zahlreichen anderen, diesen zu entfestigen, das heißt, den militärischen Wert des Gebäudes durch das Einsprengen von großen Öffnungen und den folgenden Einbau großer Fenster aufzuheben und ihn so einer zivilen Nutzung zuzuführen. Die Entfestigung, bei der 4 Fensterachsen aus der Wand gesprengt wurden (Abb.) erfolgte 1948, schon vorher diente der Mühlentorbunker geschossweise als Lager- oder Werkstattraum für Kleingewerbe-Treibende. Die Entfestigung des Mühlentor-Turmes war so eingreifend, dass die Überlegungen der Stadtverwaltung aus den Jahren 1960 und 1989, ihn wieder als Luftschutzraum zu reaktivieren, aus Kostengründen aufgegeben wurden.

Seit 1989 war der Turm einfaches Kulturdenkmal der Hansestadt Lübeck und ab dem 9. Dezember 2015 ist der Bunker Am Mühlentorplatz 2 eingetragenes Kulturdenkmal der Hansestadt Lübeck.

 

 

 

 

 

Dieser Text wurde dem 2013 entstandenen Flyer zum Tag des offenen Denkmals entnommen. Herausgegeben vom Bereich Archäologie und Denkmalpflege der Hansestadt Lübeck, Text: Ulrike Scholz, Gestaltung: Dirk Simonsen

© Lübeck 2013. Der Verein dankt dem Herausgeber für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung.

 

 

Mehr Informationen über diesen ehemaligen Luftschutzbunker, oder Informationen über weitere Hochbunker in Lübeck erhalten Sie unter

 http://www.bunker-kiel.com/luftschutz-lübeck/luftschutzbunker-hochbunker/mühlentor-turm/

 

Das Bildmaterial wurde mit freundlicher Genehmigung zur Verfügung gestellt vom: Bunker Kiel Team und vom Bereich Archäologie und Denkmalpflege der Hansestadt Lübeck.

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Anfragen an den Verein richten Sie bitte an Frau Monika Schulz unter info@familienforschung-luebeck.de
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